Trennung auf ungewisse Zeit
Der Zwerg Hamon Umeran stand mit den Zwillingen Almer und Imra einige Kilometer östlich von Waterdeep auf einer Brücke. Für die beiden Menschenkinder war es vermutlich ein völlig zufällig gewählter Ort, aber nicht für ihn. Hier hatte er auf den Tag genau vor 18 Jahren die beiden gehört, als sie auf dem Fluss von Umberlee, der Göttin der See, entgegen der Strömung angetrieben wurden.
Schon gestern am Abend hatte er die beiden einzeln in sein Büro kommen lassen und ihnen ihre Aufgaben zugewiesen, für die sie ein Jahr Zeit hatten und bei der sie die meiste Zeit auf sich allein gestellt waren. Beide hatten Gegenstände bekommen, von denen sich der alte Zwerg nur schwer trennen konnte, um ihnen doch noch etwas "Zuhause" mit auf den Weg zu geben. Sie sollten die Zeit nutzen, die sie unterwegs sein würden, um eine Verbindung zu ihnen aufzubauen und sich auf sie einzustimmen.
Almer hielt dem festen Griff des Vaters an seiner Schulter nur mit Mühe stand ohne die Miene zu verziehen. Sicher würde das wieder blaue Flecken geben, aber heute konnte er es seinem Vater nicht übel nehmen, zumal die Augen des alten Mannes vor Stolz ... oder Erwartung nahezu überquollen. Ein kurzer Blickwechsel mit seiner Schwester und ihm war klar, dass es ihr ähnlich mit der Situation ging, wie Almer selbst. Er und Imra waren zwar charakterlich grundsätzlich verschieden, aber es gab ein Band zwischen ihnen, dass sie sich gegenseitig verstanden ohne auch nur ein Wort zu wechseln. Der junge Mann kannte auch nur seine eigene Aufgabe:
Im Süden im Wald von Thethir sollte er bei einem Ritual helfen. Was so schwer daran sein sollte, "die Geister zu binden", war ihm nicht klar. In seinem Kopf musste etwas sein wie "die Biene ist gestorben und ihr Geist soll an diese schöne Wiese voller Wildblumen gebunden werden, damit sie es immer schön hat". Dass er deswegen wochenlang in den Süden wandern musste, klang nicht besonders einleuchtend. Er hoffte nur, dass seine ohnehin ausgelatschten Treter diese Tortur noch mitmachten. Immerhin konnte er die Zeit nutzen und in seinem alten Lieblings-Wälzer stöbern um Zaubertricks zu üben. Vlt lernte er dieses Presti .... di .... oder etwas anderes - etwas cooles - etwas das man wenigstens aussprechen konnte.
Als Almer aus seinen Tagträumen erwachte, bekam er aus dem Augenwinkel mit, dass Imra entschlossen nickte. Sein Vater schaute ihn fragend an und wiederholte sein letztes Wort "Versprochen ?". Hastig antwortete der überrumpelte Mensch "Jaja natürlich. Genau so. Versprochen", während er versuchte, eine ähnlich entschlossene Miene wie seine Zwillingsschwester aufzusetzen. Gleichzeitig grübelte er aber, was der alte Kauz eben wohl gesagt haben mochte.
Nach einer letzten Gruppenumarmung, begaben sich die beiden Menschen auf ihre Wege - jeweils in die entgegengesetzte Richtung des anderen. Bereits nach wenigen Schritten hielt Almer nochmal an und schaute zurück. Wie immer hatte seine Schwester ihr neues Ziel klar vor Augen und schritt zügig darauf zu, während er sich nicht so richtig entscheiden konnte, ob er dem Zuhause in Waterdeep hinterherhängen sollte, oder aber Feuer und Flamme für die Reise und die Aufgabe sein. Diesmal entschied sich der der Verstand des angehenden Druiden für letzteres. Er straffte die Schultern, zog die Gurte seines geliebten Beutels fester und schaute mit entschlossenem Blick Richtung Süden. Nachdem er vergeblich auf mehr inneres Selbstbewusstsein gewartet hatte, setzte er sich dann auch endlich in Bewegung. Wie konnte Imra nur immer so selbstsicher wirken ? Immerhin war von beiden doch er derjenige, der zumindest mit einem Anflug von magischer Begabung gesegnet war...
Ein Jahr getrennt von ihr, die er (soweit er sich erinnern konnte) bisher eigentlich jeden Tag um sich hatte - irgendwie fühlte es sich auf einmal an, wie eine Trennung auf ungewisse Zeit.
