Angehender Druide auf Abwegen
Nicht genau wissend, was er seinem Vater denn genau gestern beim Abschied versprochen hatte, schlenderte Almer in mehr als gemütlichem Tempo den langweiligen geraden Weg nach Süden durch einen Wald hindurch. Schon jetzt hetzen, wo er doch ein Jahr Zeit hatte? Würde eh nichts bringen und verfehlen konnte er den Wald von Tethir schlecht bei der Größe und Bekanntheit.
In Gedanken versunken und nur ab und an gelangweilt einen Stein vom Weg tretend, nahm der junge Druide nicht gleich das erste Knacken im Unterholz wahr ... und auch noch nicht das zweite. Als es ihn dann aber doch aus den Gedanken riss, hörte er es ganz deutlich. Im Gebüsch am Wegesrand war irgendwas. Wie aus der riesigen Stadt Waterdeep gewohnt, schaute er sich erst um, ob er beobachtet wurde. Nach ziemlich genau einem Tag weg von der Stadt war es hier auf der Straße still und keine Menschenseele konnte ihn erwischen, wenn er nur mal kurz nachschaute.
Da war es wieder. Das Rascheln hatte eine nahezu magische Anziehungskraft auf den jungen Mann. Langsam und möglichst leise näherte er sich dem vordersten Busch. Doch als hätte Mann oder Tier oder was-auch-immer ihn wahrgenommen, zog sich auch das Rascheln tiefer ins Dickicht zurück. Nach einigen Wiederholungen dieses kleinen Spiels war der Weg nach Süden nicht mehr zu sehen. Irgendwann reicht es dann aber auch mit dem Katz-und-Maus-Spiel fand Almer und so warf er das letzte bisschen Vorsicht über Bord und hechtete los, dem Geräusch hinterher, das sich eher weiter entfernte als dichter zu kommen.
Ziemlich außer Puste fand er sich auf einer kleinen Lichtung wieder. Auf der anderen Seite bewegten sich noch ein paar Blätter und Zweige. Siegessicher schritt Almer auf die andere Seite der Lichtung zu - bis ein neues Geräusch den Mut des möchte-mal-werden Druiden in die Hose rutschen lies.
Ein bedrohliches Knurren, viel tiefer und voller als ein gewöhnlicher Straßenhund es hätte erzeugen können, drang durch das Rascheln der Blätter. Gleichzeitig schob sich langsam eine lange braune Schnauze durch das Blattwerk, auf das Almer gerade zusteuerte. Das Tageslicht spiegelte sich in den intelligenten Augen, die auf den überraschten Menschen fixiert waren. Die Ohren waren noch vom dichten Blattwerk verborgen, aber die Größe des Schädels ließ auf ein ziemliches Untier schließen.
Völlig in Schockstarre, war in Almers Kopf einfach nur Leere und er zur Handlungsunfähigkeit verdammt, während er in die hungrigen Augen der Bestie starrte. Als sich unter dem Maul eine große Wolfspranke durch die Zweige schob, kam Bewegung in die Lichtung. Von rechts kam mit einem einzigen Satz ein fliehender Hirsch über die Lichtung geflogen und brach damit den Augenkontakt zwischen Mensch und Wolf. Besonders groß war der Hirsch nicht, aber gut genährt und mehr bekam Almer auch nicht davon mit. Mit dem Augenkontakt brauch auch die Schockstarre und noch bevor der Hirsch auf der anderen Seite der Lichtung landen konnte, hatte sich auch der Mensch umgedreht und mit dem ersten Schritt einen Meter Abstand zum übergroßen Wolf gewonnen. Hinter sich hörte er zwar das unheilverkündende Brechen von Ästen, aber es trieb ihn zu einer ungewohnten Geschwindigkeit und Ignoranz gegenüber Schnittwunden und Prellungen durch das Unterholz an.
Eine gefühlte Ewigkeit, fand er sich auf der Straße nach Süden wieder. Da das Brechen der Äste um ihn herum nun auch verschwand, nahm er die Stille völlig anders wahr als noch vorhin. Sein Herz raste und das Pochen des Pulses in den Ohren konnte kaum das Pfeifen seiner brennenden Lunge übertönen, aber außer dem war da nichts mehr. Almer blickte sich nochmal um, aber kein Zeichen vom Wolf oder Hirsch weit und breit - vermutlich war am fetten Hirsch einfach mehr dran, das musste auch das Untier von Wolf gesehen haben.
Dem Weg folgend, ging Almer wieder nach Süden, dieses Mal zügig, als wüsste er wohin (oder wovon weg). Heil froh, dass der Hirsch eine willkommene Ablenkung für den Wolf war, dachte er an den Schutz, den er sonst in der Gemeinschaft der Druiden genießen konnte. Hamon und Grimyr hätten es wohl locker mit dem Wolf aufnehmen können und danach den Hirsch als kleinen Snack verspeist, aber die waren mittlerweile einige Kilometer weit weg, saßen vermutlich mit einem Krug Bier in der Hand und berieten sich, was sie denn mit ihrer ganzen neuen Freizeit ohne Almer und Imra machen sollten.
In einem Gebüsch abseits des Weges stand ein ungleiches Duo. Beide schauten dem Menschen hinterher, der mit völlig zerrissenen Sachen nun wieder der Straße folgte. Sie wollten sich eigentlich bereithalten ihm noch eine Lektion zu verpassen (falls das erst Schauspiel nicht gereicht hätte), aber der Bedarf schien gedeckt zu sein. Der Wolf hatte außer den intelligenten Augen ein struppiges braunes Fell und kurz hinter den Ohren markante langen Hörner. Daran aufgespießt mehrere große Blätter, damit sie durch das Blattwerk nicht so zu sehen waren. Daneben stand ein etwas kleinerer Hirsch mit kräftige Läufen, einem muskulösen Körper und einem kurzen Hals. Fett konnte (und sollte) man dieses besondere Exemplar nicht nennen. Eher war es so, dass es dieser ganz bestimmte Hirsch mochte, seinen üblichen zwergischen Körperbau bei den Verwandlungen nicht ganz aufzugeben.
Sich sicher, dass sein Ziehsohn sich von jetzt an sein Versprechen halten würde (immer Vorsicht walten zu lassen auf seiner Reise, und nicht vom rechten Weg abzukommen), drehte der Hirsch sich um in Richtung Waterdeep. Zusammen machten sich die beiden alten Freunde nun wirklich auf nach Hause, zum Haus der Druiden.