Not führt zu Überwindung

Die Begegnung mit dem riesigen Wolf und dem fet... kräftigen Hirsch steckte Almer noch in den Knochen, auch wenn das jetzt schon 2 Tage her war. Seitdem hatte er mehr Vorsicht walten lassen, wenn er sich seine Mahlzeiten aus der Natur am Wegesrand organisierte und er entfernte sich auch nicht mehr weit vom Weg. Er war nicht der erste Wanderer, der sich am Wegesrand bediente, das musste er immer wieder feststellen. Andererseits hatte er beim Urbanen Hain auch einiges über die Kräuter, Wuzeln und Beeren des Waldes gelernt ... besser gesagt "lernen müssen ... sollen". Davon konnte er jetzt im wahrsten Sinne des Wortes Zehren und das Grummeln in seinem Magen im Zaum halten.

Bisher hatte er immer einen Bogen gemacht, wenn er zu Gehöften kam, die dicht am Weg gebaut waren. Die Kreaturen des Waldes konnte man wenigstens noch einschätzen. Ein gesättigter Wolf würde kein anderes Tier angreifen, einer Bache ohne Frischlinge in Gefahr wäre selbst vor Almer wahrscheinlich einfach weggelaufen - vlt. nicht unbedingt aus Angst, aber wenigstens aus Desinteresse.

Was Almer aber in Waterdeep erlebt hatte, war Beweis genug, dass die meisten sogenannten "zivilisierten Leute" ihre Mägen - und vor allem Geldbeutel - nie genug bekamen. Die Reichen bestohlen die Armen und die Armen bestohlen wiederum die, die aus seiner Sicht überhaupt nichts hatten außer ihrer abgenutzten und abgetragenen Kleidung. Am schlimmsten war das Hafenviertel, wo schon die kleinen Kinder lernten, dass sich Diebstahl lohnt, die Wahrheit keinen Wert hat und das Leben des Gegenüber leichter wiegt, als die Kupfer- und Silbermünzen in dessen Beutel.

Ungeahnt seiner Sorgen gegenüber Fremden, musste er aber demnächst irgendwo unterkommen und sich um Nadel und viel Faden bemühen. Die Flucht im Wald hatte ihm direkt am ersten Tag seiner Reise einen Strich durch die Rechnung gemacht, mit seinem kleinen Reparaturset die Reise durchzuhalten. Immer wenn er Pause machte, nähte er einen anderen Riss zu - oft genug den selben noch einmal, weil er ihn nicht richtig abgebunden hatte. Schlimm sah es um seinen Beutel aus, den er sich von seinem bisschen Geld für die Botengänge in der Stadt geleistet hatte. Die Pflege, die er dem Beutel noch in Waterdeep hatte zukommen lassen, ließ auf seiner eben erst angetretenen Reise zu wünschen übrig. Die vorher weißen Trageschnüre gingen schon jetzt farblich eher in Richtung Creme (mit dunklen Flecken). Den Beutel selbst hatte er auch schon mit Flicken versehen müssen, die er aus dem unteren Rand seiner Robe stammten.

Immerhin war sein kleiner Geldbeutel nicht herausgefallen und auch nicht das Amulett, das ihm sein Vater Hamon mitgegeben hatte. Eine Art bronzener Talisman - eine kleine Scheibe so groß wie eine Handfläche. Im Rand waren verschiedene zwergische Runen eingearbeitet, aber die Flächen vorne und hinten waren komplett blank. Sein Ziehvater hat dem angehenden Druiden erzählt, er sollte es auf seiner Reise füllen - "mit den kleinen guten Geistern dieser Welt". Almer müsse ihnen helfen und im Gegenzug könnten sie ihm ihre Hilfe zukommen lassen, die er sein restliches Leben lang gut gebrauchen könne.

Es begann mittlerweile zu dämmern merkte Almer. Gedankenversunken war auch irgendwie das kleine Amulett in seine Hände gewandert. Seine Tagträume leise verfluchend, steckte er es weg und schaute in ein kleines Tal voraus. Ein einsames Bauerngehöft stand einiges entfernt vom Weg und aus einem Schornstein schlängelte sich Rauch wie ein dünner Faden nach oben. Es war recht unauffällig nahe der Bäume am Wald und er hat es auch mehr durch Zufall entdeckt so farblos war es. Rauch, das heißt jemand war Zuhause und hatte eventuell ein trockenes Bett und etwas Flickzeug für seine Kleidung da, so hoffte der junge Mann.

Mehr als eine Stunde später kam er an dem Gehöft an. Die letzten Strahlen der Tagessonne schoben sich über die Hügel im Westen und tauchten den Himmel in ein Farbenspiel von Orange und Rot - man könnte meinen, die Wolken stünden in Flammen. Wie gebannt stand Almer dort und betrachtete das Schauspiel, wie sich der Tag mit einem letzten imposanten Feuerwerk verabschiedete. Als er sich dann doch losriss, bemerkte er, in welch schlechtem Zustand die Felder um das Gehöft herum waren. Auf der einen Seite des Weges wusch das Gras fast hüfthoch in das Feld, auf dem kümmerliche Kürbisse offensichtlich zu wenig Wasser bekamen. Auf der anderen Seite drohten die Kartoffeln den Kampf gegen die dichter kommenden Brombeeren vom Waldrand zu verlieren.

Es half alles nichts, er brauchte Nähzeug. Also ging er weiter zum Eingang des Hauses und klopfte an der Tür, erst vorsichtig, dann stärker. Während er wartete, bemerkte Almer, dass ihn mehrere kleine Augenpaare beobachteten. Mindestens 5, wenn er sich nicht verzählt hatte - es war schwer zu sagen, da sie verschwanden, sobald er sie direkt ansah. Mit dem unwohlen Gefühl beobachtet zu werden, hörte er von drinnen Geräusche: wie ein Schlurfen, das sich mit einem deutlich hörbaren "Tock" abwechselte. Dann schwang die Tür mit einem Quietschen auf.


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Almer