Flickschusterei

Als sich die Tür zum heruntergekommenen Bauernhaus öffnete, schaute Almer in ein altes und vernarbtes Gesicht. Sein Gegenüber trug einen ausgefressenen Mantel und viel zu weite Hosen. Ein Hosenbein war hochgekrempelt und gab den Blick auf ein Holzbein frei. Der Alte schaute seinen jungen Besucher mit zusammengekniffenen Augen an. Mit kratziger und schwacher Stimme brachte er hervor "Hier jibs nix zu holn... Hmm schaust nich aus wie die üblichn Typen.". Aufrichtig erwiderte Almer "Ich bin auf Reisen und habe dringenden Bedarf an Flickzeug und wenn es nicht zu viel verlangt ist, nach einem trockenen und sicheren Schlafplatz", wobei er auf seine Kleindung deutete. Der Greis musterte den angehenden Druiden kurz, dann schaute er über dessen Schultern in die Dunkelheit und fragte "Watn, biste janz allene? Hmm. Na würde ooch noch n paar Tage so jehn mit den Klamotten, aber besser isset natürlich die janz zu machn. Denn komm ma rinn hier.".

Das innere des Raumes war in einem ähnlichen schlechten Zustand wie das Gehöft und die Sachen des alten Mannes. In einem Kamin war etwas Glut und darüber ein scheinbar nasses Holzstück - sonst hätte es nicht so viel Rauch von sich gegeben. Der Alte bewegte sich schlurfend zu einem ausgesessenen Sessel neben dem Kamin und lies sich stöhnend darauf nieder. Dann gestikulierte er Almer den anderen (etwas besser erhaltenen) Sessel freizuräumen. Gerade als der Junge alles weggeräumt hatte und sich setzen wollte, ergriff der Alte das Wort "Also det Nähzeuch is nich in dem Sessel. Det musste dir schon von dem Schank da drübn holn. Meene Gretl hat det immer in den beeden oberen Schubladen jehabt und denn saß se da uff dem Sessel, den de grad frei jemacht hast.".

Also ging Almer zu dem Schrank, in dessen Richtung der Alte zeigte. Er staunte nicht schlecht, wie viele kleine Bänder, Schnüre und vor allem Bindfäden in den Schubladen lagen. Zugegeben, die meisten Nadeln und Scheren hatten Roststellen und der eine oder andere Faden war nicht mehr wirklich zu gebrauchen, aber dann würde er eben einfach mehrmals die Naht nachziehen. Gerade als er zugreifen wollte, erinnerte er sich, dass er sich noch nicht vorgestellt hatte. Überhastet drehte er sich um und stellte sich vor "Verzeihung, ich vergaß meine Manieren. Mein Name ist Almer Umerân und ich bin auf einem weiten Weg unterwegs. Wir darf ich Euch nennen?".

Verdutzt schaute ihn der Alte an, dann erwiderte er "Uns ? Bin ja nur noch icke. Achso wieder feine Worte. Also am Anfang nannte mich meene Gretl noch ihren 'Emilian', denn wurde ick der 'Emil' und kurz vor ihrem Tod denn ... ach det is nix für Kinderohren. Lassn wa det einfach bei Emil.". Der hochtrabenden Worte des gehobenen Bürgertums in Waterdeep überdrüssig, kam das Almer ganz recht. Samt Nähzeug ging er zu seinem Sessel zurück und begann mit den Reparaturarbeiten an seinem Beutel. Als er sich hinsetze, bekam er noch zu hören "Und det ist hier allet mit du zwischen uns, damit det klar is. Sonst fliegste wieder raus.". Damit konnte sich Almer abfinden.

So setzte er sich hin und begann bei schlechter Beleuchtung nur durch die Glut im Kamin seine Arbeit unter den interessierten Blicken von Emil. Als der zum dritten Mal eine Naht lang ging, die sich immer wieder lockerte, bekam er von der Seite zu hören "Ick bin ja nur danebn und schau zu, aber bei meener Gretl sah det immer n bissl anders aus. Die hat denn ooch mal über Kreuz jenäht und sowat. Kannste ja mal probiern. Musste aber n bissl mehr innet Licht haltn, sonst seh ick nix.". Gesagt getan. Irgendwie half das schon, was der Greis ihm da riet und da dieser offensichtlich seinen Spaß damit hatte jemanden zu belehren, durfte sich Almer bei seiner Arbeit auch noch mehr Sprüche anhören:

"Mach mal da in die Ecke noch n paar Durchstiche, Jungchen."

"Ick gloob da is ooch irgjendwo janz normaler roter Faden da, da musste dich nich selber pieksen ... achso, war jar keene Absicht"

"Pack ma noch nen Scheit Holz nach, ick seh da sonst nix mehr bei dir. Aber nur eenen, det Holz macht sich schließlich nich von alleene."

"Zieh da mal den Faden wat fester"

"Ne Junge, det war jetz zu feste. Reißn sollte der nich."

"Also wenn de da oben jetz nochmal lang jehst, denn hält dat wirklich jut. Okee, kriegst den Beutel ooch nich mehr uff, aber haltn tut det denn."

Nach getaner Arbeit begutachtete Almer sein ... ihr gemeinsames Werk. Besonders schon war der Beutel nicht und vermutlich auch etwas kleiner als vorher, aber immerhin hielten die Flicken - beziehungsweise fielen sie nicht von alleine ab. Von Emil bekam er ein letztes müdes "Joa jeht erstmal. Wenn de det jetz beiseite tust und nicht weiter anfässt, ... denn hält det bestimmt ... bis morjen früh.". Nachdem er die Flickschusterei auf einen nahen Tisch abstellte, fielen auch Almer die Augen vom angestrengten Sehen bei der schlechten Beleuchtung zu.


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Almer
Emil