Der verschollene Bogen II - eine rückwärtige Chronologie
Im überschaubaren Daggerford war sie nunmehr die meistgesuchte “Jägerin”. Jeder Ganove, jeder Bettler und auch so manches Kind raunten ihren Namen. Und wann immer ein wuchernder Händler seine Kundschaft über den Tisch zog, konnte man hören wie diese zischte: “Die Schwarze Hornisse soll dich holen!” Die Wachen kamen ihr allmählich näher und sie wusste, es wurde Zeit. Waterdeep war ein verlockendes Paradies. Eine unübersichtliche Millionen-Stadt, mit vielen Fehden und Intrigen. Wo es an Aufträgen kaum mangelte und Spuren im Getümmel der Massen untergingen.
Die Schwarze Hornisse hatte sich gut eingefunden, in die neuen Strukturen der Stadt und einige Aufträge bereits an Land ziehen können. Sie jagte allein, immer schon. Doch für die kommende Jagd würde sie Unterstützung brauchen. Also ging sie zu dem Kind, das längst schon kein Kind mehr war, von dem sie wusste, dass es besser klettern konnte, als die anderen. Und das Kind freute sich auf die Jagd, denn es wollte selbst einmal Jägerin werden. Die Schwarze Hornisse zweifelte, sie wünschte sich einen anderen Weg für das Kind. Doch sie verdrängte ihre Zweifel, denn diese Auftrag war äußerst ertragreich.
Es war ein nebelige Neumondnacht. Die schwarze Hornisse stand auf einem Dach, das leicht zu erklimmen gewesen war. Sie wartete und das Kind kletterte. Sein Aufstieg war beschwerlich und risikoreich. Und die Hornisse fragte sich, ob das Kind ihn schaffen würde. Da hörte sie das vertraute Surren eines Pfeils und den dumpfen Klang, als er sich in das Holz des Dachbalkens bohrte. Schnell löste sie das Seil, das an ihm befestigt war und fixierte es. Als sie sich auf die andere Seite herüber hangelte, öffnete das Kind bereits die Tür des Balkons auf dem es kauerte. Die Jägerin gab dem Kind das Zeichen zu verschwinden. Es würde beim Erlegen der Beute nicht dabei sein. Dann drückte sie langsam die Tür auf und erhaschte kurz einen Blick auf jene, die dahinter auf sie warteten. Sofort zog die Jägerin die Tür wieder zu. Schnell blickte sie zu dem Kind. Es stand da, ein loses Seil in der Hand. Irgendwer hatte es durchtrennt. Innerhalb eines Augenblicks hatte die Schwarze Hornisse ihren Umhang von den Schultern gerissen und ihn um das Kind gewickelt. Sie hatte nur noch eines im Sinn. Das Kind in Sicherheit bringen.
Ruin wurde über die Brüstung gestoßen, noch bevor das Holz der Balkontür zerbarst. Eine Druckwelle schleuderte Ruin bis in die nächste Gasse und riss ihr Seil und Bogen aus der Hand. Als würde die Zeit langsamer vergehen, fiel sie Federgleich hinab umgeben vom Flattern des Umhangs. Über ihr lautes Rufen und eine knisternde, saphierblaue Explosion…