Unter strömenden Wasserfällen (Pavel, 27.03.2025)
Die beiden Reisegefährten, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, hatten keine Eile und auch kein Ziel. Sie schlenderten den zugewucherten Pfad, wenn es denn überhaupt einen Pfad gab, durch den Dschungel entlang gen Norden.
Jahrelang hatte Ty'phoon mit den Besuchen des Hohepriester ausschließlich lästige Pflichten assoziiert. Herausputzen, sich benehmen, bloß nichts falsches sagen und ja nicht die Eltern, oder gar das ganze Dorf blamieren. Mal mehr, in der Regel aber weniger erfolgreich.
Jetzt abseits von .. von eigentlich allem, was Ty'phoon kannte .. erfreute sich der Tabaxi an der Gegenwart des Geistlichen und genoss die abwechslungsreichen Gespräche.
An einigen Tagen erzählte Rufus von all den schönen Orten und Abenteuern, die er in Faerun erleben durfte. Die spannenden Geschichten lenkten erfolgreich von den Strapazen der Wanderung ab. Am Abend, bei Feuer und einer warmen Mahlzeit, lenkte der Hohepriester die Gespräche mehr in eine tiefsinnige Richtung.
“Narzisstische, egozentrische, von sich selbst überzeugte Einzelgänger. Sie wechseln ihre Form jederzeit nach Belieben und verschwenden keinen Gedanken an die abgelegte Identität, das Vergangene und was sie zurücklassen.”, redete Rufus in der Form eines Elfen. Der Geistliche bevorzugte die Elfengestalt zum Wandern durch die Wälder. Viel praktischer und weniger auffällig, meinte er.
“Und dann.. dann gibt es die anderen Changelinge. Jene wie dich und mich. Wir leben jede unserer Formen. Für uns ist es kein Mantel, den wir wechseln und hinterher wegwerfen. Jede einzelne Gestalt ist ein Teil unserer Selbst.”, erklärte der Elf energisch. Der Hohepriester wirkte mehr gefestigt, mehr überzeugt und viel entschlossener, jedoch auch weniger gelassen als in seiner Loxodon-Gestalt und kaum noch sanftmütig
“Sie erlauben es uns, anders zu denken, andere Perspektiven einzunehmen .. ja sogar anders zu handeln. Jede Form ist einzigartig und bestimmt, wer wir sind. Wir wählen sie mit Bedacht und kehren immer wieder zu ihnen zurück.", der Elf schaute zu dem stillen Tabaxi und gab ihm etwas Zeit, über das Gesagte nachzudenken.
“Du hast noch nie eine andere Gestalt angenommen und verbrachtest dein ganzes Leben als Tabaxi, stimmt's?", fragte er nach.
Ty'phoon fixierte mit verlegenem Blick das Feuer, stocherte darin herum und nickte ganz leicht mit dem Kopf.
“Ich verstehe”, murmelte Rufus. “Aber auch wenn es schwer fällt .. das Gestaltwandeln ist eine Gabe, ein Geschenk und ein Teil von dir.”
“Wird es jemals einfacher?”, Ty'phoons Blick löste sich vom Feuer und musterte das Gesicht des Elfen.
"Irgendwann, aber bis dahin ist es ein langer, anstrengender Weg voller Schmerz. Besonders kräftezehrend sind Formen, die ich nicht ausstehen kann. Sie bringen mich immer mental und emotional gewaltig durcheinander.”, gestand der Hohepriester und hielt dem erschrockenen Blick des Tabaxis stand.
“Du lebst dieses Tabaxi-Leben, aber tief in dir versteckt sich noch jemand, nehme ich an.”, Unsicherheit breitete sich in dem Gesicht des jungen Mannes aus.
“Ein zartes Stimmchen, das sich nicht traut, selbst zu sprechen.”, fuhr der Hohepriester weiter fort. “Jemand, der diesen Tabaxi seine Probleme regeln lässt und nur im Hintergrund leise flüstert. Und jedes Mal fühlt es sich wie das Sterben deines Tabaxis-Ichs an, wenn das Flüstern stärker wird, das Steuer übernimmt und du zu deinem unmaskierten Ich wechselst.”, offenbarte der Elf.
Ty'phoon schaute Rufus sprachlos mit grossen Augen an.
“Je länger du eine Form beibehälst, desto schwieriger ist es, sie wieder abzulegen.” erklärte Rufus.
Tränen sammelten sich in den blinzelnden Katzen-Augen. Er versuchte sie zu unterdrücken, doch zwecklos. Der Damm zerbrach und unter strömenden Wasserfällen versank der Tabaxi schluchzend in der Umarmung des Hohepriesters.
“Ich ..”, brach Ty'phoon hervor. “.. ich ..”, keuchte er. “ .. ich”, stotterte das Changeling-Mädchen, das einen Moment zuvor pelzig und gut anderthalb Köpfe größer gewesen war.
Das fremde Wesen hielt das junge Mädchen fest in den Armen, schwieg und gab ihr, zum ersten Mal in ihrem Leben, das Gefühl, wahrlich verstanden worden zu sein.

Blümchen - Ty'phoon Do’Vash'Umberlee andere Seite